Der Supermarkt ist gemeinhin bekannt als ein Gebäude von mittelprächtiger bis enormer Größe in dem sich hauptsächlich Regale befinden. In den Regalen findet man alles, was ein Mensch so zum Leben benötigt.
Über dies hinaus gibt es dort auch Kassen, an denen man all diese dringend benötigten Waren bezahlen kann. Spätestens hier trifft man auf eine der interessantesten Spezies der Welt: Die Supermarktmitarbeiter. Doch normalerweise sollten einem diese natürlich schon inmitten des Regallabyrinths begegnen und in dem überwältigenden Chaos aus lebensnotwendigen Produkten wie Sprühkäse, Marshmallow-Creme, Gummigockeln, Nasenhaartrimmern oder Pfannekuchen-Pulver, mit ihrem messerscharfen Verstand, ihrer blitzschnellen Auffassungsgabe und einem perfekten Orientierungssinn, jedes gewünschte Produkt binnen weniger Sekunden lokalisieren und dem Kunden aushändigen können.
Doch ist dies natürlich der allerseltenste Fall und es kommt, ich darf das behaupten, denn ich habe langjährige Erfahrung sowohl als Kunde als auch als Mitarbeiter, zuweilen schon aufgrund mangelnder sprachlicher Qualifikation der Kunden zu hanebüchenen Missverständnissen. So sah ich mich eines Tages einem türkischen Mitbürger gegenüber, einem netten, älteren Herrn, der mir etwa bis zum Brustbein reichte. Er stellte sich vor mich hin und sagte nur ein einziges Wort: „Mettin?“ Verwundert sah ich den kleinen Mann an, der offenbar tatsächlich eine Antwort auf seine rhetorische Meisterleistung erwartete. „Wie bitte?“, fragte ich höflich, in der wagen Hoffnung, der Mann würde nun erkennen, dass ich ihn nicht verstanden habe, und zumindest versuchen einen kompletten Satz zustande zu bringen. „Mettin?“ sagte er erneut und sein Gesichtsausdruck ließ darauf schließen, dass dies vermutlich das einzige Wort bleiben würde, dass er verwendete. Doch dann auf einmal kam es wie aus der Pistole geschossen: „Du arbeite hier? Mettin?“ Und sein Gesicht hellte sich auf, so wie bei einem kleinen Kind, das die ersten zwei Schritte ohne fremde Hilfe gelaufen ist. Doch ich verstand immer noch nicht. War „Mettin“ ein anderes Wort für „Arbeiten“? So wie „Placken“, „Brasseln“ oder „Pujacken“? „Na, bisse heute wieder den ganzen Tach am metten?“ Hört sich nicht schlecht an. Könnte glatt aus dem Ruhrgebiet stammen. Doch offenbar war es nicht das, was der Mann meinte, denn auch nach mehrfacher Versicherung, dass ich „hier arbeite“, erklang immer und immer wieder ein zunehmend verzweifelteres „Mettin?“ „Metten?“ fragte ich, “so wie Mett? Oder Mettenden?” Doch dann kam mir in den Sinn, dass das Interesse an Mett, der gemeinhin aus Schweinehack besteht, für einen Kunden aus dem türkischen Kulturkreis vermutlich nicht sonderlich groß sein dürfte. Was kam denn sonst noch in Frage? Es gibt ein Kloster namens Metten bei Regensburg. Aber fragt man danach in einem Supermarkt? Und wenn ja, was will jemand der kein Schweinefleisch isst in einem Kloster? Wollte er zum Christentum konvertieren? Dann wiederum hätte er aber auch nach dem Mett verlangen können. Die Lage war verzwickt. Und so blieb mir nichts anderes übrig, als meinen türkischen Kollegen zu suchen, in der verzweifelten Hoffnung, der kleine alte Mann sei in seiner Heimatsprache ein wenig wortgewandter. Kaum aber, dass sich die beiden sahen, schwand meine Hoffnung. „Mettin!“, war erneut das einzige Wort, welches dem Alten entfuhr. Doch diesmal in einer völlig anderen Tonlage. Nicht wie eine Frage, sondern wie ein Ausruf des Glückes, kam es mir diesmal vor. Und schon wurde ich Zeuge, wie sich die beiden in den Arm nahmen und auf Türkisch miteinander redeten. „Ihr kennt Euch?“, fragte ich meinen Kollegen. „Ja, das ist mein Vater, antwortete dieser, während mein Blick auf seinem Namensschild haftete. „Wofür steht das „M“ vor deinen Nachnamen?“, fragte ich. Na für meinen Vornamen, antwortete er: „Metin.“
