„Busfahrer“. Das ist ein Wort, das man aus manchem Kindermund hört, wenn man die Frage nach dem künftigen Berufsziel stellt. Busfahrer kommt gleich nach Lokführer, bevorzugt bei Kindern, die zu dick sind, um Feuerwehrmann, Fußballstar oder Zuhälter zu werden. Doch wissen die kleinen Rangen überhaupt, was sie da sagen? Stellen sie sich SO ihr späteres Leben vor?
Gasgeben, bremsen, Tür auf, Tür zu, Gasgeben, bremsen, Tür auf…. Zwischenzeitlich noch ein total desinteressierter Blick auf die Kreditkarten, Lotterielose oder Visitenkarten, welche die Leute beim Einsteigen vorzeigen, um den Eindruck zu erwecken, sie hätten einen gültigen Fahrschein.
Jeden Tag die gleiche Strecke, immer wieder, hin und zurück. Selbst Sisyphos hatte da mehr zu lachen, der war wenigstens an der frischen Luft und hatte seine Ruhe. Doch in einem Bus sieht das schon ganz anders aus. Morgens kreischende Pänze die sich prügelnd und balgend eine Sitzgelegenheit zu ergattern versuchen. Vormittags Rentner, die unbedingt auf einem der Behinderten-Plätze sitzen wollen, obwohl ansonsten der ganze Bus frei ist. Nachmittags wieder die Pänze, die nun, nach den frustrierenden Erlebnissen des Schulalltags überhaupt keine Hemmungen mehr haben und sich vollends wie ausgewilderte Affen aufführen. Abends dann darf man sich noch von Betrunkenen anpöbeln lassen, wenn man verhindern will, dass diese ihre Currywurst großzügig auf den Sitzpolstern verteilen.
Da wundert es einen nicht, wenn der ein oder andere Busfahrer den Verstand verliert. So wie der, der mich täglich zur Uni fährt. Ich steige ein und gehe von einer unspektakulären Fahrt aus. Bis der Rucksack, den mein Vordermann neben sich auf den Sitz gestellt hat, quer durch den Bus fliegt und sich dabei überschlagend seinen Inhalt in den übrigen Sitzreihen verteilt. „Hossa!“ tönt es aus der Fahrerkabine, gefolgt von einem wahnwitzigen Lachen. „Da hab ich wohl doch einen erwischt.“ Gemeint ist einer der Bremshügel in der 30-Zone, der auch einen Bus übel erwischen kann, wenn der Fahrer mit 60 Sachen darüber brettert. „Vielleicht hat er es ja eilig“, versuche ich mir einzureden, in der Hoffnung, dass der Mann, der unser Schicksal in seinen Händen hält, nicht tatsächlich völlig durchgeknallt ist. Doch an der nächsten Kreuzung werde ich eines besseren belehrt. Nach einer 1A-Vollbremsung gerade noch vor einer roten Ampel zum Stehen gekommen, amüsiert der Fahrer sich über die Reaktion der übrigen Autofahrer, von denen manch einer vermutlich schon mit dem Leben abgeschlossen hatte. Meinen Sitznachbarn hat es derweil, auf der Suche nach seinem Rucksack, bis in die Mitte des Fahrzeugs katapultiert.
Kaum springt die Ampel wieder auf grün, rast der Fahrer los, als wäre der Leibhaftige hinter ihm her, um an der nächsten Haltestelle erneut die Bremskraft unseres etwa 30 Jahre alten Gefährts unter Beweis zu stellen. Die Menschen springen panisch in das Wartehäuschen, einer verkeilt sich mit seiner Tasche an einem Mülleimer, ein anderer lässt vor Schreck die Geldbörse fallen. Der Fahrer grinst: „Wohl schreckhaft, die jungen Leute.“ Und so geht die Fahrt weiter. Auf der Autobahn krallen sich meine kalten, in Angstschweiß gebadeten Hände in die zerlöcherten Sitzpolster. Ich lausche wie das Fahrwerk des Busses, der sich mittlerweile auf der linken Spur befindet um einen LKW zu überholen, immer besorgniserregendere Geräusche hervorbringt. Endlich: Die Ausfahrt. Quer über alle drei Spuren ballert der Bus hinein, es donnert und scheppert auf dem holprigen Pflaster der Straße an der Uni. Eine letzte Kreuzung. Fast kommt es zwischen zwei anderen Verkehrsteilnehmern zu einem Auffahrunfall. „Schade!“, brüllt der Fahrer, „beinahe hätte es gekracht! Oder? Hasse gesehen?“ Unsere Blicke begegnen sich im Rückspiegel und ich bemerke, dass er mit mir spricht. „Ja, schade“, sage ich „hätte fast gekracht.“ „Das ist, weil die Leute sich nich auf den Verkehr konzentrieren“, lacht er, „aber mir passiert sowatt nich, ich bin immer ganz entspannt.“ Für die Rückfahrt hoffe ich auf einen anderen Fahrer. Doch vergebens. Er ist es! Er erkennt mich wieder! Er kündigt an, mal ein bisschen flotter zu fahren als sonst, „dann bisse früher zu hause!“ Ich nicke ihm zu und ergebe mich meinem Schicksal.
Busfahrer
Juli 30, 2008 von Seb

[...] Realität, bedenkt man allein die Kluft zwischen einem naiven Kinderberufswunsch und der Stufe, die Busfahrer auf der Beliebtheitsskala deutscher Berufsbilder einnehmen. Da braucht es kaum noch ergänzender [...]