Wärst Du doch in Düssel… ne, Dresden geblieben…

Fassen wir mal kurz zusammen: In Dresden versammelte sich im Dezember ein sehr merkwürdiger Mob aus den unterschiedlichsten politisch mehr oder gar nicht interessierten Menschen und beschloss, gegen eines der “drängensten” Probleme, die es in Sachsen gibt, vorzugehen. Der “Islamisierung des Abendlandes”. Abgesehen davon, dass die meisten der Teilnehmer vermutlich nicht wissen, was ein Abendland ist: bei einem marginalen Anteil von Moslems in der Bevölkerung und einem noch geringerem Ausländeranteil ist es nur verständlich, wenn ausgerechnet in Sachsen die Leute auf die Straße gehen.

Mal im ernst: ist denen das Westfernsehen zu langweilig geworden? Sendet RTL nicht mehr in die äußeren Randgebiete? Oder treiben die Leute die allzu milden Wintertemperaturen dazu, sich unter allzu abenteuerlichen Gründen in der Öffentlichkeit zu versammeln, unter noch abenteuerlichen Namen wie PEGIDA, FRIGIDA, ALKAIDA oder wie da alle heißen, zu versammeln und einem vorbestraften Kriminellen dabei zuzujubeln, wie er gegen kriminelle Ausländer wettert, von denen er vermutlich noch nie einen einzigen zu Gesicht bekommen hat?

Nun, ein wenig fremdbeschämt aber sicher, dass dies einmal mehr ein Problem der offensichtlich immer noch nicht ausreichend entnazifizierten Ostzone bleiben würde, fand ich diesen Aufmarsch pöbelnder alter Säcke, die mit Vokabeln aus dem Dritten und hoffentlich letzten Reich um sich schmissen, irgendwie amüsant. Beschämend nur, dass die ganzen, in aller Welt neuerdings beliebten, schwarzrotgoldenen Sommermärchen-Devotionalien nun zu völkisch angehauchten Zwecken missbraucht wurden. Was soll da bloß die internationale Öffentlichkeit wieder von uns denken?

“Wir sind das Volk”, schallt es da erstmals seit 1989 wieder durch die “sibirische Steppe”, wie Adenauer die “Sowjet-Zone” so schön nannte. Nur dass die Menschen, die sich da selbst zum Souverän erklären diesmal nicht für Freiheit und den Fall einer gesicherten Grenze demonstrieren, sondern dafür, die Grenzen um sie herum wieder dicht zu machen. Wo damals keiner raus durfte, soll heute keiner mehr rein.

Warum auch immer, diese paar versprengten Wirrköpfe haben es geschafft, die Medien in einem Maße auf sich aufmerksam zu machen, dass man einfach nicht mehr drumherum kommt. Ich plädiere dafür “PEGIDA” in den Duden aufzunehmen und schon im Januar zum “Unwort des Jahres” zu erklären. Ist zwar schon aus 2014, geht mir 2015 aber noch viel mehr auf den Sack.

Was mir ebenfalls auf den Sack geht, sind nun die bescheuerten Versuche, den Rechtsdrall aus dem ehemaligen real existierenden Sozialismus nun auch nach Westdeutschland zu übertragen.

Am Montag wird erstmals ganz in meiner Nähe solch eine Zeremonie stattfinden. “DüGIDA” nennt sich das ganze. Und so bescheuert das auch klingt: die Gegenseite hört sich nicht viel besser an: “NODüGIDA”.

Was ist eigentlich passiert in den letzten drei Monaten? Sind wir alle bescheuert geworden?

In jeder verdammten Stadt rotten sich Menschen zusammen, um unter bunten Fähnchen und absurd albernen Bezeichnungen für und gegen etwas zu demonstrieren, das es gar nicht gibt. Deutschland ist weder das Abendland, noch werden wir islamisiert. Helle Aufregung also auf beiden Seiten, und doch nur heiße Luft. Normalerweise würde ich das ganze belustigt vor dem Fernseher verfolgen, besonders bei den zur Zeit herrschenden Wetterverhältnissen.

Trotzdem überlege ich, mich ebenfalls auf die Straße zu begeben. Warum? Weil ich nicht möchte, dass es so aussieht, als lassen wir in Deutschland wieder irgendwelche Stammtischtrottel gemeinsam mit offensichtlich sehr rechtsradikalem Pöbel mit unseren Landesfarben durch die Städte ziehen, ohne uns darum zu kümmern. Denn dies ist immer die größte Gefahr:

Dass die die nichts tun, weil sie die, die das falsche tun nicht ernst nehmen, auf einmal feststellen, dass sie nichts mehr tun können.

In diesem Sinne habe ich nach den gescheiterten PEGIDA-Versuchen in München und Köln, mit solch öffentlich wirksamen Aktionen wie der Verdunkelung öffentlicher Gebäude, zum ersten Mal (außer wegen Fußball) so etwas wie Stolz auf mein Land empfunden. Und deshalb möchte ich, obwohl ich mir sicher bin, dass DüGIDA auch ohne meine Anwesenheit grandios scheitern wird, meinen Teil dazu beitragen, aller Welt zu zeigen, dass wir in Deutschland sehr sehr viel dazugelernt haben. Außerdem gibts da bestimmt auch was zu trinken.

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Ingwerschokolade und Nächstenliebe

Ich saß im „Backwerk“. Vor mir ein Pappbecher mit einem Coffee to go, den ich, rebellisch wie immer, im Sitzen einnahm. Eine dicke, südländisch aussehende Frau mit wallenden, altmodisch gemusterten Klamotten, drängte sich durch die Stühle und Tische, auf der Suche nach einem Platz. Mein früheres ich hätte, das muss ich zu meiner Schande gestehen, weggesehen und gehofft, sie möge sich nicht neben mich setzen. Doch man lernt ja immer dazu und so bot ich ihr an, sich an meinen Tisch zu setzen.

Sie packte sich also umständlich auf den Stuhl neben mir, stellte ihren Kaffeebecher auf den Tisch und begann in ihrer Tasche zu kramen. Eine Tafel „Ingwerschololade“ kam zum Vorschein und ehe ich mich versah, lag sie geöffnet und in mehrere Stücke gebrochen vor mir. „Willst Du ein Stück?“ fragte die Frau und ich überwand aus Höflichkeit meine Ahnung, dass die Kombination aus Schokolade und Ingwer nicht unbedingt empfehlenswert sei. Ich bedankte mich, noch etwas irritiert von dieser Bereitschaft mit einem Wildfremden sein Essen zu teilen, und stellte fest, dass der Geschmack tatsächlich nicht uninteressant war.

Wir unterhielten uns ein wenig über neumodische Geschmacksexperimente in Süßigkeiten und Getränken, als sich vor der Fensterfront ein schäbig gekleideter junger Mann auf dem regennassen Asphalt niederließ und begann, Blockflöte zu spielen. „Manche dieser Bettler belügen die Leute“, sagte die alte Frau, „aber ich glaube dieser nicht.“ Ich konnte nur zustimmen. Wer setzt sich schon freiwillig in den Regen? Wir beobachteten die Szenerie und waren uns bald einig: die Menschen, denen das Geld zu den Ohren rauskommt, die gehen hoch erhobenen Hauptes an dem armen Kerl vorbei. Schließlich brauchen sie jeden Cent für noch größere Autos und noch mehr unnützen Luxus. Aber manch einer, der selber kaum etwas hat, ist bereit, für das schiefe Flötenspiel des Bettlers ein paar Münzen in dessen Hut zu werfen. Wie zum Beweis blieb ein kleiner Junge mit einem viel zu großen Schulranzen auf dem Rücken vor dem Bettler stehen, hörte einige Augenblicke zu und begann dann, in seinem Umhängeportemonaie zu kramen, um ihm tatsächlich ein wenig von seinem Taschengeld abzugeben. Während ich diese Szene noch gerührt beobachtete, redete die alte Dame neben mir etwas von Geben und Nehmen und der Bibel, verabschiedete sich nach unserem kurzen aber inhaltsreichen Gespräch mit einem „Gott segne Dich“ und ging hinaus zu dem Bettler um ihm außer ein wenig Geld auch eine weitere Tafel Ingwerschokolade zu überreichen. Der Mann freute sich sichtlich und ich war vollends in Gedanken versunken. Der kleine Junge und sein Taschengeld. Die alte Dame und ihre Schokolade. Das muss in etwa die Art von Sozialverhalten sein, die das Ur-Christentum im Sinne hatte, bevor es von der Kirche korrumpiert wurde.

Ich wollte doch nur einen Kaffee trinken. Und nun saß ich da und mir fiel eine Frage aus einem Star Trek Film ein. „Haben sie schon mal einen perfekten Moment erlebt? Einen einzigen Moment, der ein ganzes Universum sein kann?“
Ja, das hatte ich gerade.

Als ich die Kaffeebude verließ gab auch ich dem Bettler zumindest 50 Cent. Ich hatte sonst nur ein 2 Euro-Stück, das ich für das Parkhaus brauchte.
Der Parkautomat zeigte 1 Euro. Ich warf das 2 Euro-Stück ein und bekam als Wechselgeld: 1,50 €

Allgemein

Blackfacing

Der Tag der heiligen drei Könige ist nun schon eine Woche her, doch er hat mir den letzten Anstoß gegeben, über eine Debatte nachzudenken, die schon seit langem durch die Lande geistert.
Kaspar, Melchior und Balthasar treten neuerdings nämlich nicht mehr in Gestalt dreier arabischer und ausgesprochen männlicher Monarchen auf, von denen einer schwarz ist. Nein dieser Tage zeigen sich die drei Weisen aus dem Morgenlande in Gestalt blond gelockter Mädchen.
Und einen (oder eine) Farbige(n) sucht man dabei vergebens. Dass scheinbar immer weniger Jungs Interesse daran haben, sich in gülden glitzernden Fummeln und pseudo-arabischen Applikationen, Kirchenlieder schmetternd von Haus zu Haus zu bewegen, ist eine Sache. Dass aber, von dem Holländischen Begleiter des Nikolaus, über eine Saalwette bei „Wetten Dass???“, bei der sich Leute als Jim Knopf verkleiden sollten, bis hin zu dem als Jim Knopfs Vorfahre bekannten Kaspar, nun im Namen des Antifaschismus sämtliche Schwarzen aus dem Alltagsleben verbannt werden sollen, nur weil halt gerade keine echten Schwarzen zur Hand sind, das will mir nicht in den Kopf.

Es sei rassistisch, wenn ein Weißer sich das Gesicht schwarz anmalt, um einen Farbigen  darzustellen. Als ich das zum ersten mal hörte, glaubte ich an einen schlechten Witz. Wo ist da bitte der Rassismus? Liegt die Motivation der Verkleidung nicht eher in der Bewunderung und Wertschätzung der betreffenden Person, als in deren Verunglimpfung?
Ich male mich schwarz an, um meine Begeisterung und Sympathie zu einer schwarzen Romanfigur wie Jim Knopf zu zeigen und das macht mich zum Rassisten? Ich male mich schwarz an, da ich eine bedeutsame historische Figur darstellen soll, die nun einmal schwarz war, und das macht mich zum Rassisten?

WO bitteschön finden die Gutmenschen, die für diesen bescheueten Hype das Schlagwort „blackfacing“ (Bezeichnung für eine tatsächlich rassistisch motivierte Form des Theaters aus dem letzten Jahrhundert) übernommen haben, bei diesem Vorgang die jedem Rassismus zugrundeliegende Abwertung der einen Hautfarbe gegenüber der anderen? Ist die Identifikation mit schwarzen Figuren nicht eher das Gegenteil von Rassismus? Würde sich je ein Neonazi freiwilig als Jim Knopf verkleiden? Nein, er würde eher das Buch verbrennen, in dem ein „Negerjunge“ die Hauptrolle spielt.

Was also soll dieser Schwachsinn und wo führt das noch hin? Ist der Aufschrei eben so groß, wenn ein Schwarzer sich weiß anmalt, um sich als Lukas der Lokomotivführer zu verkleiden? Ist es ebenfalls rassistisch, wenn ich mich grün anmale um einen Außerirdischen darzustellen? Nun eines steht für diese radikale Form der political correctness wohl fest: Es darf sich in Deutschland nie wieder ein weißes Kind als Jim Knopf verkleiden und es darf keinen schwarzen Kaspar mehr geben.

Diese Idee, die Schwarzen so rigeros aus Kunst und Brauchtum zu verbannen, um sie damit vor Ausgrenzung in Schutz zu nehmen, ist dermaßen paradox, dass dem Führer die Freudentränen in die Augen treten würden, bei so viel freiwilliger Selbstzensur durch angeblich politisch korrekte Menschen, die – den Nazis nicht unähnlich – stets allen anderen sagen wollen, was sie tun oder lassen sollen. Blinder Aktionismus und typisch deutsche Empörungskultur vermischem sich hier zu einem selten dagewesenen Irrsinn.

Demnächst werden Kinder nicht mehr wissen, dass einer der heiligen drei Könige schwarz war und sie werden vielleicht auch Jim Knopf nicht mehr kennen. Die Augsburger Puppenkiste wurde ja schon aus dem TV-Programm verbannt. Kein Wunder: die haben doch tatsächlich eine Marionette aus hellem Holz schwarz angemalt. Diese elenden Rassisten!

Allgemein

Rückblick

Ein Leben in der Vergangenheit hat keine Zukunft

Ein Leben ohne Vergangenheit hat keinen Orientierungspunkt

Das Wissen um die Vergangenheit
eröffnet neue Wege

Das Verharren in der Vergangenheit zementiert ausgetretene Pfade

Schaffe ab, was Dich in der Vergangenheit festhält und bewahre, was Dich an sie erinnert

Schaue über die Schulter um zu verstehen, aber dreh Dich nicht um, denn der Weg führt in die andere Richtung

Allgemein

Harald Martenstein – Best of

Wenn aus einer einfachen Buchvorstellung ein launiger Abend wird, der es mit jeder Comedy- und Kabarettvorstellung locker aufnehmen kann, dann hat vermutlich Harald Martenstein seine Finger im Spiel. Der Kolumnist des “Zeit-Magazins” und Redakteur des Tagesspiegels las am Mittwochabend in der Stadtbibliothek aus einem Best-Of seiner berühmt-berüchtigten Kolumnen.

Und die haben es in sich. In präzisem, ausdrucksstarkem Journalisten-Deutsch behandelt Martenstein die Geschehnisse des Alltags, von Kindererziehung über moderne Schulformen bis hin zu Schneckenplagen und Gummi-Geschlechtsteilen. Dabei ersinnt er Formulierungen, die selbst simpelste Sachverhalte zum Brüllen komisch werden lassen. Bestes Beispiel: sein Einstieg zum Thema Jugendsprache: alles was gut ist ist “geil”, ein Wort, das einstmals für “lüstern” stand. Alles was nicht geil ist, sei hingegen ”schwul”. So sind nette Mädchen geil, nicht nette Mädchen schwul. Mathearbeiten: schwul. Dabei sieht er in der Umdeutung des Wortes schwul keine wiederauflebenden Ressentiments gegen Homosexuelle sondern die einfache Lust der Jugend, mit ihrer Sprache zu provozieren. Eine Sprache die dauernd im Wandel ist. So wurde aus “geil” “porno” und aus “schwul” “psycho”. Das heißt: “ein Mädchen das gestern noch schwul war, ist heute psycho”. Es entstehen außerdem Sätze wie: “Der Jugendpfarrer hat porno gepredigt.” Ein weiteres Highlight seiner sehr trocken und sachlich vorgetragenen Werke war die Episode über Frauen, die ihren Orgasmus “vertuschen”. So habe eine Frau zwar einen Orgasmus gehabt, diesen aber zurückgehalten, da sie den Mann mit dem sie schlief, unsympathisch fand und ihm das Erfolgserlebnis nicht gönnen wollte. Eine andere Frau wiederum hatte bemerkt, dass ihr Mann seine Arbeit zwar gründlich erledigt, sich nach getaner Sache jedoch anderen Dingen zuwendet. So wird der erste Orgasmus vertuscht, damit es länger dauert und der zweite vorgetäuscht, damit es nicht zu lange dauert.

Selten wurde in einer Bibliothek so oft und so laut gelacht, wie an diesem Abend. Und Martenstein kannte keine Gnade: immer mehr Geschichten wusste er zu präsentieren.

So sorgte auch das Schicksal eines Bewerbers für eine Stelle in der Redaktion für Unterhaltung. Abschlüsse an zwei renommierten ausländischen Universitäten, sieben Sprachen fließend und nebenbei auch noch erfolgreich im Leistungssport. Seine Bewerbung wurde aussortiert. “Über-ehrgeizige Leute sind Stimmungskiller und bringen nur Unruhe – die werden niemals zu Vorstellungsgesprächen eingeladen!”

Georg Schramm (Rheinisches Landestheater Neuss, 27.02.13)

Es gibt es noch, das klassische, tiefgehende und bitterböse politische Kabarett, das mit politischen Inhalten spielt, kritisiert, entlarvt und somit auch aufklärt. Einer der größten Vertreter dieser Form des Kabaretts ist zweifelsohne Georg Schramm. Am Mittwoch war er mit seinem aktuellen Programm “Meister Yodas Ende – Über die Zweckentfremdung der Demenz” im  RLT beim Kabarett 20:30 zu Gast. Dabei ließ Schramm es zunächst recht harmlos angehen und kalauerte das Publikum in der Rolle eines SPD-nahen Kleingärtners in Stimmung, der mitten in der Nacht heimlich die Urne seiner Frau ausgräbt, um sie an ihrem Lieblingsplatz in der Schrebergartenanlage zur letzten Ruhe zu betten. Nach diversen weiteren noch recht harmlosen Anekdoten in tiefstem Hessisch eröffnete er dann in allerschönstem Amtsdeutsch in einer weiteren Rolle die Vereinsitzung der Selbsthilfegruppe “Altern heißt nicht trauern”, um dem Publikum oberlehrerhaft zu erläutern, was es mit dem von Frank Schirrmacher irrtümlich angekündigten “Krieg der Generationen” auf sich hat, der ja eigentlich ein Krieg “Arm gegen Reich” sei. Hier nun begann der wirklich politische Teil des Kabaretts, und in seiner Rolle des alles erklärenden Vorsitzenden ließ Schramm keine Gelegenheit aus, dem Publikum mangelnde Bildung, Desinteresse oder beides zu unterstellen. So erläuterte er die zwei wichtigsten Methoden von Politikern, die dazu dienen, das Volk dumm zu halten: Lügen durch Weglassen entscheidender Informationen oder Formulierungen die dazu führen, dass keiner mehr Lust hat zuzuhören. “Letzteres funktioniert bei Ihnen sehr gut” attestierte Schramm dem Neusser Publikum. “Wenn sie also einen solchen Satz verstehen, dann hat er seinen Zweck verfehlt.” Kompliziert formulieren, das kann auch Schramms Figur Oberstleutnant Sanftleben sehr gut. Dieser verlor sich bei den Erläuterungen zu Sinn und Unsinn der Auslandseinsätze der Bundeswehr in technokratischen Begriffen wie “sinnvoller Fremdblutfluss” und stellte somit schonungslos den emotionslosen, berechnenden Umgang von Politik und Militär mit dem Leben anderer Völker bloß. Ein weiteres Lieblingsziel waren im Verlauf des Abends immer wieder auch der Finanzsektor im Allgemeinen und die Spekulanten im Besonderen. Deren Macht demonstrierte er am Beispiel Berlusconi: “Es gab 35 erfolglose Versuche des Parlamentes, ihn aus dem Amt zu heben. Drei Rating-Agenturen haben das in nur fünf Tagen geschafft.” Für den künftigen Umgang mit letzteren empfahl Schramm ein Zitat von Papst Gregor dem Großen: „Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht“. Weiter zitierte er einen Beschluss der Holländischen Regierung aus dem Mittelalter. Auch damals wollten Spekulanten, dass die Steuerzahler für ihre Verluste aufkommen. Damals hieß es jedoch: “Für Spielsucht ist ein Arzt verantwortlich, nicht aber der Staat.” Nicht nur hier wirkte Schramms Kabarett nicht mehr wie bloße Unterhaltung, sondern wie eine schonungslose, lautstark und wortgewandt vorgetragene Gesellschaftskritik, der es trotz aller humoristischen Pointierungen nicht am nötigen Ernst mangelte.

Pumpen (Teil 1)

So ein Fitnessstudio ist schon ein Hort nie versiegender Absurditäten. Allein, welche lupenreinen Archetypen man dort vorfindet. Jeder streng nach Klischee bekleidet und ausstaffiert, sorgsam darauf bedacht, jedes Vorurteil zu bestätigen.

Da wäre zunächst der klassische Pumper, zumeist gekleidet in „Uncle Sam“-Shirts, die breiter als lang und somit bei fast jeder Übung bauchfrei sind. Beliebt auch: knallenge Strampelanzüge aus Radlerhosenstoff. Darunter besagtes Shirt, darüber der klassische, handbreite, braune Pumper-Ledergürtel. Macht wohl ne schmale Taille, ansonsten erschließt sich mir der Sinn nicht, sich bei sportlichen Übungen die Luftzufuhr in Richtung Zwerchfell komplett abzuschnüren. Mangels Magnesiumpulver werden dazu Fahrradhandschuhe getragen, um die zarten Hände nicht an den rauhen Hantelgriffen zu zermürben.

Der Pumper besticht durch ziemlich dicke Arme, mit zumeist sehr undefinierter Muskelmasse. Sie ähneln eher denen einer fetten Pommesbuden-Bedienung im ärmellosen Kittel. Um den Körper in eine solche Form zu bringen, ist folgende Vorgehensweise an den Gerätschaften einzuhalten:

Der Pumper nimmt ALLE Gewichte die das Gerät hergibt, und schleppt dann noch zentnerschwere Hantelscheiben herbei, um diese an jeder sich bietenden Stelle an den übrigen Gewichten zu befestigen. Dann nimmt er Platz, blickt grimmig in die Runde um sich der Aufmerksamkeit umstehender, normal trainierender Menschen zu versichern und reißt die Gewichte 1-3 mal nach oben. Dabei verfärbt sich der Kopf dunkelrot bis lila und sieht aus als würde er jeden Moment explodieren. Bei jedem Hochreißen der Gewichte schreit er, als würde ihm gerade ein LKW über den Fuß fahren. Dann: In dem Moment, kurz bevor die Hauptschlagadern zum Gehirn platzen, lässt er die Gewichte einfach fallen, so dass sie krachend auf der Auflage einschlagen und die Hantelscheiben in alle Richtungen wegkullern.

Stolz, aber natürlich immer noch sehr grimmig, blickt der Pumper erneut in die Runde, steht auf und demonstriert, dass es spätestens jetzt absolut unmöglich ist, die Arme an den Oberkörper anzulegen. Er hakt die Daumen in den viel zu breiten Ledergürtel und stellt sich vor den nächsten Spiegel, um dort sehr sehr unaufällig die eben trainierte Muskelpartie mehrfach anzuspannen.

Dann sammelt er die umherliegenden Hantelscheiben ein und geht damit zur nächsten Übung. Auch hier wieder: Hochreißen, Schreien, Fallenlassen. Hochreißen, Schreien, Fallenlassen…

Der Pumper hält dies stundenlang aus, ohne dabei Flüssigkeit zu sich zu nehmem oder gar auf die Toilette zu müssen. Mit diesem engen Ledergürtel wäre es allerdings eh kaum möglich, irgendwelche Stoffwechselendprodukte durch den Unterleib zu pressen.
So bleibt nach dem Training und erfolgreicher Entfernung des Gürtels lediglich der sofort zuzubereitende Eiweißdrink, der den Aufbau von großen Massen weiterer Schwabbelmuskeln unterstützen soll.