Frühstück 2.0

Sonntagmorgen: Ich sitze mit meiner Freundin auf dem Sofa, eine Casting-Show läuft im Fernsehen, sie hat ihr Smartphone gezückt, ich beuge mich über mein Netbook. Doch, wir reden noch miteinander. Trotz dreifacher medialer Ablenkung fühlt sich dieser Sonntagmorgen nicht anders an, als damals, bei meinen Eltern, wo das Radio düdelte, mein Vater hinter dem Wirtschaftsteil der hiesigen Tageszeitung verschwand, meine Mutter abwechselnd Sonderangote und Todesanzeigen sondierte und ich im Sportteil immer wieder die aktuellen Bundesligaberichte studierte.
Heute sind es eben Smartphones und Computer, statt riesiger Papierberge. Der erste Vorteil: wir sehen uns wenigstens noch. Der zweite: bei dem obligatorischen Satz: “Schatz schau mal was hier steht!”, müssen wir nicht umständlich an der Sitzordnung herumrücken und uns gegenseitig die besagten Papierstellen zuschieben, nein, wir schicken uns einen Link und der andere kann den entsprechenden Artikel parallel auf seinem Gerät lesen, es entsteht so eine sehr viel bessere Diskussionskultur als bei der umständlicher Papierschieberei von damals.
Weitere Vorteile: während meine Eltern noch auf den Inhalt einer einzigen Zeitung angewiesen waren, was wohl auch das ungemeine Interesse an Todesanzeigen, mangels anderer für meine Mutter interessanter Themen erklärt, verfügen wir heute über eine Fülle von Informationen, die beinahe jede Zeitung, Zeitschrift oder Fachmagazin beinhaltet, welche irgendwo auf der Welt veröffentlicht werden. Dazu unzählige Blogs, Fanseiten, etc. Information-Overload? Fehlanzeige. Der geneigte Leser hat seine festen Lesegewohnheiten und blickt eher selten darüber hinaus. Dennoch: wenn die Lieblingszeitung nichts morgenfüllendes zu berichten hat, hat man eine bestimmte Anzahl von Alternativen im Kopf, bzw. in der Lesezeichenleiste, in denen man immer etwas interessantes findet. Es sitzt also niemand ratlos vor dem Netzangebot und muss sich stundenlang entscheiden, welche der Milliarden von Webseiten er zuerst öffnen soll. Es ist wie mit der Zeitung am Büdchen: man greift zuerst zu Altbekanntem. Anders als am Büdchen ist die Entscheidung aber nicht bindend. Entpuppt sich das Altbekannte in diesem Fall als uninteressant, nimmt man das nächstaltbekannte. So als würde man vor dem Büdchen stehen bleiben und eine Zeitung nach der anderen durchforsten, ohne auch nur eine davon zu bezahlen.
So findet man in einem schier endlosen Informationsangebot doch immer relativ schnell etwas, das einen den Morgen über beschäftigt. Das Gefühl, für eine langweilige Zeitung Geld bezahlt zu haben, der Gedanke, “hätte ich lieber doch ausnahmsweise die andere Zeitung gekauft”, setllen sich nicht ein. Zudem sitzt neben mir eine Frau, meine Freundin, die ganz andere Prioritäten bei der Informationnsuche setzt. So kann man auch als Kerl schnell und ohne aufzufliegen, auch mal einen Blick über den Bundesliga- und Politik-Tellerrand werfen, hinein in die glamoröse Welt der Promi-News.
So weit so gut. Weitere Vorteile heutiger elektronischer Medien auch am Frühstückstisch sind: Man hat immer eine Hand zum Essen frei. (Schonmal versucht mit einer Hand die FAZ umzublättern?) Niemand reißt einem die Seite aus der Hand, weil auf der Rückseite ein Sonderangebot prangt. (Zum Glück gibt es bis heute nur einseitig funktionierende Displays).
Der Frühstückstisch wird nicht zugepflastert mit Papiermüll. UND: mit der ein oder anderen Soft- und Hardware heute schon möglich: man kann mit dem gleichen Medium, mit dem man gerade Zeitung liest, neuen Kaffee kochen, den Toaster bedienen und die Garzeit der Eier justieren. Versucht das mal mit der Rheinischen Post! Einen einzigen Nachteil gibt es jedoch tatsächlich: Wenn man das Internet dann iregndwann mal ausgelesen hat, hat man hintereher keine Unterlage zum Kartoffelschälen.

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