Bekenntnisse eines WhatsApp-Geschädigten

Kinder, wie konnte das auf meine alten Tage noch passieren? Während ich noch auf antiquierte soziale Netzwerke wie Facebook baute und meine Freunde mit altertümlichen Textnachrichten per SMS über mein aktuelles Befinden informierte, da lag schon allerorts dieses seltsame Wort in der Luft: „Whatsääääpp“.  Ja, what war denn äpp, außer dass jede Woche neue  Berichte über die datenschutztechnischen Unzulänglichkeiten dieser meiner Meinung nach völlig sinnfreien Applikation erschienen?

Erfolgreich widerstand ich – wieder einmal – einem Trend. Am Ende jedoch gab ich – wieder einmal – nach. Und ich installierte dieses hochgelobte Kommunikationsmittel auf meinem Smartphone. Natürlich – wieder einmal – auf Wunsch des weiblichen Teils meines Freundeskreises.

Wer auch sonst sollte mich dazu bringen, DAS Spam-Instrument schlechthin auf meinem bis dahin sorgsam und diszipliniert genutzten Handy zu platzieren? Und schon brach sie über mich hinein, eine Flut aus Fotos, Videos, schlechten Witzen, Klosprüchen, Lebensweisheiten und absoluter Belanglosigkeiten, ja eine Welle gequirlter Scheiße nie gekannten Ausmaßes, besonders wertvoll in unendlich erweiterbaren Gruppenchats.  Während man den ganzen Müll bei Facebook wenigstens noch halbwegs filtern oder ignorieren kann, hieß es nun bald hier, bald dort: „Warum reagierst Du nicht, Du warst doch online…“ Ja, von nun an musste ich aber gaaaaanz genau aufpassen, wann ich gelangweilt an der Supermarktkasse auf dem Display rumdrückte oder Nachts mal kurz nachsah, warum zum Teufel das gottverdammte Telefon schon wieder blinkt. „Ach Du bist noch wach“, entgegnet es einem da in einem Pop-Up-Fenster um 4 Uhr morgens, wenn man sich rotzevoll zur verdienten After-Absturz-Session in die Federn knallen will.

Richtig lustig wird es allerdings dann, wenn einen nicht nur die eigenen Freunde von morgens bis abends mit behämmertem Kack einlullen, sondern sich dazu auch noch Menschen vornehmlich weiblichen Geschlechts gesellen, die anscheinend von althergebrachtem zwischenmenschlichem Umgang so rein gar nichts mehr halten. Alles wird da in die Tasten geklimpert. Die einen texten einen von morgens bis abends voll und wissen anscheinend selbst nicht warum, eine andere schreibt des Nachts ihre Vorstellungen von einem ersten Treffen in der Art, dass es jedem Pornoregisseur die Schamesröte ins Gesicht treiben würde. Hinzu kommt, dass ich anscheinend den Ruf eines menschlichen Kummerkastens habe, denn anders lässt es sich nicht erklären, warum ständig Themen aufkommen, für die früher mal das Dr.- Sommer-Team in der BRAVO zuständig war. Von harmlosen Beziehungsproblemen über Liebeskummer bis hin zu Geschichten, dank denen ich die betreffende Person unweigerlich an die örtliche Polizei bzw. Frauenberatungsstelle weiterverwiesen habe.

Was zum Teufel geht mich das denn bitte alles an? Und das auch noch von Menschen, die mich teilweise noch nie im Leben gesehen oder gehört haben? Gibt es eigentlich überhaupt noch irgendwelche Grenzen, wenn am anderen Ende eine scheinbar vertrauenswürdige, aber in Wirklichkeit dennoch anonyme Person sitzt? Und warum habe ich das alles mitgemacht? Weil es sich toll anfühlt, so vertrauenswürdig zu sein? Warum hab ich selbst ebenfalls mein Innerstes nach außen gekrempelt, nicht wissend, wer da eigentlich zusieht? Ist es so einfach, den WhatsApp-Gesprächspartner gerade WEIL man ihn nicht wirklich kennt, so sehr zu idealisieren, dass alle real-existierenden Menschen um einen herum dagegen abstinken? Ist es wirklich so wichtig, für jeden Haufen, den man gerade irgendwo hinsetzt, Kommentare von Fremden einzuheimsen?

Ich habe mir nun nacheinander einen Urlaub durch Facebook und einen durch WhatsApp versaut. Was wirklich um einen herum passiert, ist eigentlich scheißegal, Hauptsache es ergibt Motive, die man irgendwelchen unbeteiligten Personen zuschicken kann, um sich abfeiern zu lassen. Und noch während ich mich hier darüber aufrege, greife ich schon wieder zum Handy, um irgendwelche Posts zu lobpreisen und alle Menschen, mit denen ich einzeln und persönlich sprechen könnte, auf einen Streich abzufertigen.  Ein wenig wird mir das wohl erhalten bleiben, doch nach diesem Sommer überlege ich mir sehr genau, wie weit ich mich auf sowas einlasse. Denn selbst mein Facebook-Experiment, jeden Tag mehrmals die Konsistenz und Farbe meines Stuhlganges zu posten, brachte mir überwiegend „Gefällt mir’s“ und große Zustimmung ein. Die Menschen wollen halt überall dabei sein, alles gut finden und alles gut finden lassen.  Ich kann mich da selbst nicht ausschließen und habe selbst der ein oder anderen Bekanntschaft ein Schauspiel in mehreren Akten geliefert. Aber wenigstens denke ich ab und zu darüber nach…

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Ein Gedanke zu “Bekenntnisse eines WhatsApp-Geschädigten

  1. lkasszian@aol.com November 4, 2013 / 9:27 pm

    „Gefällt mir!“ – Scherz bei Seite: es gefällt mir wirklich gut. Flüssig zu lesen mir Seb-Humor gespickt. Gerne gelesen! lk

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