Ingwerschokolade und Nächstenliebe

Ich saß im „Backwerk“. Vor mir ein Pappbecher mit einem Coffee to go, den ich, rebellisch wie immer, im Sitzen einnahm. Eine dicke, südländisch aussehende Frau mit wallenden, altmodisch gemusterten Klamotten, drängte sich durch die Stühle und Tische, auf der Suche nach einem Platz. Mein früheres ich hätte, das muss ich zu meiner Schande gestehen, weggesehen und gehofft, sie möge sich nicht neben mich setzen. Doch man lernt ja immer dazu und so bot ich ihr an, sich an meinen Tisch zu setzen.

Sie packte sich also umständlich auf den Stuhl neben mir, stellte ihren Kaffeebecher auf den Tisch und begann in ihrer Tasche zu kramen. Eine Tafel „Ingwerschololade“ kam zum Vorschein und ehe ich mich versah, lag sie geöffnet und in mehrere Stücke gebrochen vor mir. „Willst Du ein Stück?“ fragte die Frau und ich überwand aus Höflichkeit meine Ahnung, dass die Kombination aus Schokolade und Ingwer nicht unbedingt empfehlenswert sei. Ich bedankte mich, noch etwas irritiert von dieser Bereitschaft mit einem Wildfremden sein Essen zu teilen, und stellte fest, dass der Geschmack tatsächlich nicht uninteressant war.

Wir unterhielten uns ein wenig über neumodische Geschmacksexperimente in Süßigkeiten und Getränken, als sich vor der Fensterfront ein schäbig gekleideter junger Mann auf dem regennassen Asphalt niederließ und begann, Blockflöte zu spielen. „Manche dieser Bettler belügen die Leute“, sagte die alte Frau, „aber ich glaube dieser nicht.“ Ich konnte nur zustimmen. Wer setzt sich schon freiwillig in den Regen? Wir beobachteten die Szenerie und waren uns bald einig: die Menschen, denen das Geld zu den Ohren rauskommt, die gehen hoch erhobenen Hauptes an dem armen Kerl vorbei. Schließlich brauchen sie jeden Cent für noch größere Autos und noch mehr unnützen Luxus. Aber manch einer, der selber kaum etwas hat, ist bereit, für das schiefe Flötenspiel des Bettlers ein paar Münzen in dessen Hut zu werfen. Wie zum Beweis blieb ein kleiner Junge mit einem viel zu großen Schulranzen auf dem Rücken vor dem Bettler stehen, hörte einige Augenblicke zu und begann dann, in seinem Umhängeportemonaie zu kramen, um ihm tatsächlich ein wenig von seinem Taschengeld abzugeben. Während ich diese Szene noch gerührt beobachtete, redete die alte Dame neben mir etwas von Geben und Nehmen und der Bibel, verabschiedete sich nach unserem kurzen aber inhaltsreichen Gespräch mit einem „Gott segne Dich“ und ging hinaus zu dem Bettler um ihm außer ein wenig Geld auch eine weitere Tafel Ingwerschokolade zu überreichen. Der Mann freute sich sichtlich und ich war vollends in Gedanken versunken. Der kleine Junge und sein Taschengeld. Die alte Dame und ihre Schokolade. Das muss in etwa die Art von Sozialverhalten sein, die das Ur-Christentum im Sinne hatte, bevor es von der Kirche korrumpiert wurde.

Ich wollte doch nur einen Kaffee trinken. Und nun saß ich da und mir fiel eine Frage aus einem Star Trek Film ein. „Haben sie schon mal einen perfekten Moment erlebt? Einen einzigen Moment, der ein ganzes Universum sein kann?“
Ja, das hatte ich gerade.

Als ich die Kaffeebude verließ gab auch ich dem Bettler zumindest 50 Cent. Ich hatte sonst nur ein 2 Euro-Stück, das ich für das Parkhaus brauchte.
Der Parkautomat zeigte 1 Euro. Ich warf das 2 Euro-Stück ein und bekam als Wechselgeld: 1,50 €

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