Harald Martenstein – Best of

Wenn aus einer einfachen Buchvorstellung ein launiger Abend wird, der es mit jeder Comedy- und Kabarettvorstellung locker aufnehmen kann, dann hat vermutlich Harald Martenstein seine Finger im Spiel. Der Kolumnist des “Zeit-Magazins” und Redakteur des Tagesspiegels las am Mittwochabend in der Stadtbibliothek aus einem Best-Of seiner berühmt-berüchtigten Kolumnen.

Und die haben es in sich. In präzisem, ausdrucksstarkem Journalisten-Deutsch behandelt Martenstein die Geschehnisse des Alltags, von Kindererziehung über moderne Schulformen bis hin zu Schneckenplagen und Gummi-Geschlechtsteilen. Dabei ersinnt er Formulierungen, die selbst simpelste Sachverhalte zum Brüllen komisch werden lassen. Bestes Beispiel: sein Einstieg zum Thema Jugendsprache: alles was gut ist ist “geil”, ein Wort, das einstmals für “lüstern” stand. Alles was nicht geil ist, sei hingegen ”schwul”. So sind nette Mädchen geil, nicht nette Mädchen schwul. Mathearbeiten: schwul. Dabei sieht er in der Umdeutung des Wortes schwul keine wiederauflebenden Ressentiments gegen Homosexuelle sondern die einfache Lust der Jugend, mit ihrer Sprache zu provozieren. Eine Sprache die dauernd im Wandel ist. So wurde aus “geil” “porno” und aus “schwul” “psycho”. Das heißt: “ein Mädchen das gestern noch schwul war, ist heute psycho”. Es entstehen außerdem Sätze wie: “Der Jugendpfarrer hat porno gepredigt.” Ein weiteres Highlight seiner sehr trocken und sachlich vorgetragenen Werke war die Episode über Frauen, die ihren Orgasmus “vertuschen”. So habe eine Frau zwar einen Orgasmus gehabt, diesen aber zurückgehalten, da sie den Mann mit dem sie schlief, unsympathisch fand und ihm das Erfolgserlebnis nicht gönnen wollte. Eine andere Frau wiederum hatte bemerkt, dass ihr Mann seine Arbeit zwar gründlich erledigt, sich nach getaner Sache jedoch anderen Dingen zuwendet. So wird der erste Orgasmus vertuscht, damit es länger dauert und der zweite vorgetäuscht, damit es nicht zu lange dauert.

Selten wurde in einer Bibliothek so oft und so laut gelacht, wie an diesem Abend. Und Martenstein kannte keine Gnade: immer mehr Geschichten wusste er zu präsentieren.

So sorgte auch das Schicksal eines Bewerbers für eine Stelle in der Redaktion für Unterhaltung. Abschlüsse an zwei renommierten ausländischen Universitäten, sieben Sprachen fließend und nebenbei auch noch erfolgreich im Leistungssport. Seine Bewerbung wurde aussortiert. “Über-ehrgeizige Leute sind Stimmungskiller und bringen nur Unruhe – die werden niemals zu Vorstellungsgesprächen eingeladen!”

Georg Schramm (Rheinisches Landestheater Neuss, 27.02.13)

Es gibt es noch, das klassische, tiefgehende und bitterböse politische Kabarett, das mit politischen Inhalten spielt, kritisiert, entlarvt und somit auch aufklärt. Einer der größten Vertreter dieser Form des Kabaretts ist zweifelsohne Georg Schramm. Am Mittwoch war er mit seinem aktuellen Programm “Meister Yodas Ende – Über die Zweckentfremdung der Demenz” im  RLT beim Kabarett 20:30 zu Gast. Dabei ließ Schramm es zunächst recht harmlos angehen und kalauerte das Publikum in der Rolle eines SPD-nahen Kleingärtners in Stimmung, der mitten in der Nacht heimlich die Urne seiner Frau ausgräbt, um sie an ihrem Lieblingsplatz in der Schrebergartenanlage zur letzten Ruhe zu betten. Nach diversen weiteren noch recht harmlosen Anekdoten in tiefstem Hessisch eröffnete er dann in allerschönstem Amtsdeutsch in einer weiteren Rolle die Vereinsitzung der Selbsthilfegruppe “Altern heißt nicht trauern”, um dem Publikum oberlehrerhaft zu erläutern, was es mit dem von Frank Schirrmacher irrtümlich angekündigten “Krieg der Generationen” auf sich hat, der ja eigentlich ein Krieg “Arm gegen Reich” sei. Hier nun begann der wirklich politische Teil des Kabaretts, und in seiner Rolle des alles erklärenden Vorsitzenden ließ Schramm keine Gelegenheit aus, dem Publikum mangelnde Bildung, Desinteresse oder beides zu unterstellen. So erläuterte er die zwei wichtigsten Methoden von Politikern, die dazu dienen, das Volk dumm zu halten: Lügen durch Weglassen entscheidender Informationen oder Formulierungen die dazu führen, dass keiner mehr Lust hat zuzuhören. “Letzteres funktioniert bei Ihnen sehr gut” attestierte Schramm dem Neusser Publikum. “Wenn sie also einen solchen Satz verstehen, dann hat er seinen Zweck verfehlt.” Kompliziert formulieren, das kann auch Schramms Figur Oberstleutnant Sanftleben sehr gut. Dieser verlor sich bei den Erläuterungen zu Sinn und Unsinn der Auslandseinsätze der Bundeswehr in technokratischen Begriffen wie “sinnvoller Fremdblutfluss” und stellte somit schonungslos den emotionslosen, berechnenden Umgang von Politik und Militär mit dem Leben anderer Völker bloß. Ein weiteres Lieblingsziel waren im Verlauf des Abends immer wieder auch der Finanzsektor im Allgemeinen und die Spekulanten im Besonderen. Deren Macht demonstrierte er am Beispiel Berlusconi: “Es gab 35 erfolglose Versuche des Parlamentes, ihn aus dem Amt zu heben. Drei Rating-Agenturen haben das in nur fünf Tagen geschafft.” Für den künftigen Umgang mit letzteren empfahl Schramm ein Zitat von Papst Gregor dem Großen: „Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht“. Weiter zitierte er einen Beschluss der Holländischen Regierung aus dem Mittelalter. Auch damals wollten Spekulanten, dass die Steuerzahler für ihre Verluste aufkommen. Damals hieß es jedoch: “Für Spielsucht ist ein Arzt verantwortlich, nicht aber der Staat.” Nicht nur hier wirkte Schramms Kabarett nicht mehr wie bloße Unterhaltung, sondern wie eine schonungslose, lautstark und wortgewandt vorgetragene Gesellschaftskritik, der es trotz aller humoristischen Pointierungen nicht am nötigen Ernst mangelte.

Digitales Fernsehen: gut, Internet: böse! – Warum darf man aufzeichnen aber nicht runterladen?

Angenommen, jemand geht tatsächlich hin und läd sich in diesem großen, unheimlichen Internet einige Folgen seiner Lieblingsserie herunter und speichert diese auf seiner Festplatte: HALT! STOP! ILLEGAL!!!
Angenommen, jemand zeichnet die gleichen Folgen der gleichen Serie aus dem laufenden Fernsehprogramm auf und speichert diese auf seiner Festplatte: kein Problem.

Da drängt sich jedem halbwegs intelligenten Menschen doch eine Frage auf: Wo zur Hölle ist im Endergebnis der Unterschied, der dazu führt, dass eine, laut unglaublich schlecht inszenierten Einspielfilmchen, zu bis zu fünf Jahren lange Gefängnisstrafe drohen kann, das andere jedoch völlig legitim ist? Man hat die gleichen Inhalte im gleichen Umfang auf dem gleichen Speichermedium. Für umsonst. Oder wurde Onkel Horst damals mit bis zu fünf Jahren Haft bedroht, wenn er “Die Schwarzwaldklinik” oder “Der Bergdoktor” auf VHS-Kassetten aufgenommen hatte? Wo ist der Unterschied, ob ich etwas aufzeichne oder einfach von einer anderen Quelle abspeichere?
Klar, werden viele sagen, die wollen Ihre DVDs verkaufen. Aber das gab es doch damals auch schon: “Scharzwaldklinik” auf Kaufkassette, damit konnte man Omma und Oppa doch immer glatt ne Freude machen. Und das obwohl sie auch damals schon die Möglichkeit hatten, das ganze gratis aufzuzeichnen. Ist speichern auf Magnetbändern legitimer als das Speichern auf Festplatten? Dann müssten ja auch Festplattenrekorder verboten werden. Liegt es daran, dass man Dateien nicht in echtzeit, also in gesamter Spieldauer des jeweiligen Mediums speichern muss, sondern alles viel schneller geht und damit auch die Menge zunimmt? Ich sehe einfach keinen Unterschied. Das in Windows 7 eingebaute Mediacenter erlaubt es, quasi das komplette Fernsehgeschehen eines Tages auf seiner Festplatte zu verewigen. Tut man dies aber in dem man die gleichen Inhalte als Dateipaket von irgend einem Sharing-Portal herunterläd, ist das illegal.
Ein wenig verstehe ich die Aufregung ja noch, wenn man komplette DVDs runterläd. So mit Menü und allem Pi-Pa-Po. Da haben sich die Produzenten ja voll viel Mühe mit gegeben und so. Was man aber im Internet herunterläd, ist nur eine Datei. Keine Verpackung, kein Booklet, keine blöden Werbeprospekte. Wie viel würde eine DVD also im Laden noch kosten, wenn man sie komplett ohne alles in die Hand gedrückt bekäme? Was, wenn man selbst darauf verzichten könnte, und sich lediglich die auf der DVD gespeicherten Daten abholen würde? Der Preis wäre marginal und mit Sicherheit weit unter dem, was heutzutage Anbieter wie Maxdome für eine lumpige Folge irgend einer Serie verlangt.

Um es nochmal mit Onkel Horsts Videokassetten zu beschreiben: Hätte er dafür bezahlt, wenn er den Inhalt der Videokassette auch ohne die Kassette hätte gratis bekommen können?

Also halten wir fest: Ladenketten, die Parolen wie “Ich bin doch nicht blöd” und “Geiz ist geil” unters Volk jubeln und das Internet auf recht antiquierte Weise zur Anpreisung ihrer analogen Datenträger nutzen, beklagen sich anschließend darüber, dass die Leute online alles an sich raffen, was die Leitung hergibt. Gleichzeitig wollen Rechteverwerter, deren werbefinanzierte Inhalte man gratis im Fernsehen anschaut und theoretisch auch problemlos und legal dort aufzeichnen könnte, einem an denn Karren fahren, wenn man den gleichen Inhalt von einer anderen Quelle abspeichert.

Germanys next Bundespräsident

So, nun ist er weg und das so genannte höchte politische Amt in unserem schönen Land ist vakant. Nun muss also schnell ein Neuer (oder eine Neue?) her. Doch wer hätte die Qualität, diesen herben Verlust auszubügeln? Diese große Lücke, besonders in der Berichterstattung, zu schließen?

Anders als in anderen Ländern ist das in Deutschland ja sowieso ein wenig merkwürdig, mit dem Präsidentenamt. Präsident, das klingt immer so staatstragend, so allmächtig. Aber hierzulande handelt es sich bei näherem Hinsehen ja doch eher um eine Art Gegengewicht zu den letzten noch bestehenden und absolut überflüssigen Monarchien in Europa. Nur halt mit viel weniger Glamour, weshalb es wohl dem ein oder anderen Bundespräsidenten schwer fällt, die Finger von ganz besonderen Urlaubsangeboten, Krediten oder sonstigen Vergünstigungen zu lassen. Irgendwas muss man ja davon haben, dass man in einem Schloss wohnen darf, 200.000 Euro im Jahr abräumt und eigentlich so gut wie nichts zu tun hat, außer sich möglichst aus allem raus zu halten. Neutral soll er nämlich sein, der Herr Präsident. Und repräsentieren soll er. Als „neutrale Gewalt“ wird er gemeinhin bezeichnet. Die Frage darf erlaubt sein, was eine neutrale Gewalt für einen Sinn hat, denn eigentlich liegt es in der Natur einer Gewalt sich gegen etwas zu richten oder zumindest Druck in irgend eine Richtung auszuüben. Im Falle des Bundespräsidenten also bald hier und bald dort abwechselnd die Regierung oder die Opposition zu gängeln, wie es z.B. Horst Köhler so gut verstand, bevor er das Amt aus akutem Desintersse niederlegte, so als handele es sich um eine ehrenamtliche Vereinstätigkeit.

Nun also der Nächste. In Deutschland kommen und gehen die Bundespräsidenten mittlerweile schneller, als die „Gewinner“ diverser Casting-Shows. Warum also macht man hier nicht gleich ein quotenträchtiges Spektakel daraus, einen neuen Präsidenten zu casten?

Viele altgediente oder vorerst gescheiterte Politiker stünden da, ähnlich wie die C-Prominez im Dschungelcamp, sofort Gewehr bei Fuß, um sich ein Comeback zu erkämpfen, koste es was es wolle, auch wenn es der letzte Rest an Menschenwürde ist.  Die Jury könnte dabei bestehen aus den beiden Bundes-Helmuts, Schmidt und Kohl, denn der eine weiß eh immer alles besser und der andere weiß ganz genau, wie man richtig große Schweinereinen jahrzehntelang vor der Öffentlichkeit fernhält und allem unmoralischen Verhalten zum Trotz als „Einheitskanzler“ in die Geschichte eingeht. Daneben braucht es aus rein statistischen Gründen noch eine Frau. Da würde ich mir die Rita Süßmuth gut vorstellen können, die mochte ich irgendwie immer ganz gerne und sie würde der selbstverliebten Altherrenriege etwas warmes, mütterliches geben.

So könnten dann die zahlreichen Kandidaten zu verschiedenen Prüfungen und Aufgaben antreten, wie zum Beispiel eine Parade abnehmen, aus der Staatskarosse winken, die richtige Ansprache für ausländische Gäste finden müssen und sich verschiedener Tests unterziehen, bei denen ihnen unterschwellig Kredite, Hotelzimmer oder Flug-Uprades untergeschoben werden sollen. Auch der Umgang mit der Presse sollte geübt werden, denn wenn man schon bei der Bild-Redaktion anruft, dann sollte dabei mehr herausspringen, als ein kindlich gekränktes Staatsoberhaupt, dass noch dazu blöd genug ist, seine Tiraden auf einer Mailbox zu verewigen. Kurz, knapp und ohne Zeugen sollte der Kandidat einem Herrn Diekmann hier verbal auf den Redaktionstisch kacken, dass es qualmt. Und zwar so, dass der sich anschließend zweimal überlegt, ob er das an die Öffentlichkeit trägt. Ein Bundespräsident muss die Macht, die er hat auch in die Waagschale werfen. Er sollte bei jeder sich bietenden Gelegenheit damit drohen, postwendend den Bundestag aufzulösen, sobald ihm irgendetwas nicht in den Kram passt. Da werden sich die Herren Journalisten schon gut überlegen, ob ein paar deftige Beleidigungen am Telefon es wert sind, dass jede Woche Neuwahlen stattfinden.

Wie auch immer, ich bin überzeugt, ein solches Fernsehformat hätte das Zeug zu einem Quotenkracher. Man stelle sich allein die Blind-Auditions vor, bei denen die Kandidaten eine von ihnen abgewendete Jury allein durch eine krachende Brandrede von ihrem Können überzeugen müssen, ohne dabei gesehen zu werden.

Spätestens hier wird ein Pilipp Rösler sofort des Feldes verwiesen, während sich bei Siegmar Gabriel  alle drei Stühle zugleich rumdrehen, anschließend aber alle Jurymitglieder bemüht sind, ihre optische Abscheu nicht kamerawirksam zum Ausdruck zu bringen.

Ja das wird spannend. Und Herr Ex-Dr. Von und Zu vorerst gescheitert wird Jahr um Jahr antreten, Jahr um Jahr rausfliegen, um mit neuer Frisur und anderer Brille Jahr um Jahr wieder aufzukreuzen. Gutti, Du wirst der Menderes des Polit-Castings.

Frühstück 2.0

Sonntagmorgen: Ich sitze mit meiner Freundin auf dem Sofa, eine Casting-Show läuft im Fernsehen, sie hat ihr Smartphone gezückt, ich beuge mich über mein Netbook. Doch, wir reden noch miteinander. Trotz dreifacher medialer Ablenkung fühlt sich dieser Sonntagmorgen nicht anders an, als damals, bei meinen Eltern, wo das Radio düdelte, mein Vater hinter dem Wirtschaftsteil der hiesigen Tageszeitung verschwand, meine Mutter abwechselnd Sonderangote und Todesanzeigen sondierte und ich im Sportteil immer wieder die aktuellen Bundesligaberichte studierte.
Heute sind es eben Smartphones und Computer, statt riesiger Papierberge. Der erste Vorteil: wir sehen uns wenigstens noch. Der zweite: bei dem obligatorischen Satz: “Schatz schau mal was hier steht!”, müssen wir nicht umständlich an der Sitzordnung herumrücken und uns gegenseitig die besagten Papierstellen zuschieben, nein, wir schicken uns einen Link und der andere kann den entsprechenden Artikel parallel auf seinem Gerät lesen, es entsteht so eine sehr viel bessere Diskussionskultur als bei der umständlicher Papierschieberei von damals.
Weitere Vorteile: während meine Eltern noch auf den Inhalt einer einzigen Zeitung angewiesen waren, was wohl auch das ungemeine Interesse an Todesanzeigen, mangels anderer für meine Mutter interessanter Themen erklärt, verfügen wir heute über eine Fülle von Informationen, die beinahe jede Zeitung, Zeitschrift oder Fachmagazin beinhaltet, welche irgendwo auf der Welt veröffentlicht werden. Dazu unzählige Blogs, Fanseiten, etc. Information-Overload? Fehlanzeige. Der geneigte Leser hat seine festen Lesegewohnheiten und blickt eher selten darüber hinaus. Dennoch: wenn die Lieblingszeitung nichts morgenfüllendes zu berichten hat, hat man eine bestimmte Anzahl von Alternativen im Kopf, bzw. in der Lesezeichenleiste, in denen man immer etwas interessantes findet. Es sitzt also niemand ratlos vor dem Netzangebot und muss sich stundenlang entscheiden, welche der Milliarden von Webseiten er zuerst öffnen soll. Es ist wie mit der Zeitung am Büdchen: man greift zuerst zu Altbekanntem. Anders als am Büdchen ist die Entscheidung aber nicht bindend. Entpuppt sich das Altbekannte in diesem Fall als uninteressant, nimmt man das nächstaltbekannte. So als würde man vor dem Büdchen stehen bleiben und eine Zeitung nach der anderen durchforsten, ohne auch nur eine davon zu bezahlen.
So findet man in einem schier endlosen Informationsangebot doch immer relativ schnell etwas, das einen den Morgen über beschäftigt. Das Gefühl, für eine langweilige Zeitung Geld bezahlt zu haben, der Gedanke, “hätte ich lieber doch ausnahmsweise die andere Zeitung gekauft”, setllen sich nicht ein. Zudem sitzt neben mir eine Frau, meine Freundin, die ganz andere Prioritäten bei der Informationnsuche setzt. So kann man auch als Kerl schnell und ohne aufzufliegen, auch mal einen Blick über den Bundesliga- und Politik-Tellerrand werfen, hinein in die glamoröse Welt der Promi-News.
So weit so gut. Weitere Vorteile heutiger elektronischer Medien auch am Frühstückstisch sind: Man hat immer eine Hand zum Essen frei. (Schonmal versucht mit einer Hand die FAZ umzublättern?) Niemand reißt einem die Seite aus der Hand, weil auf der Rückseite ein Sonderangebot prangt. (Zum Glück gibt es bis heute nur einseitig funktionierende Displays).
Der Frühstückstisch wird nicht zugepflastert mit Papiermüll. UND: mit der ein oder anderen Soft- und Hardware heute schon möglich: man kann mit dem gleichen Medium, mit dem man gerade Zeitung liest, neuen Kaffee kochen, den Toaster bedienen und die Garzeit der Eier justieren. Versucht das mal mit der Rheinischen Post! Einen einzigen Nachteil gibt es jedoch tatsächlich: Wenn man das Internet dann iregndwann mal ausgelesen hat, hat man hintereher keine Unterlage zum Kartoffelschälen.

Von Märchenmöpsen und Teekesseln

Möpse. Ich mag keine Möpse. Jedenfalls nicht die in Form von Hunden. Ich hasse diese fiesen, plattgeknautschten Nasen, die aussehen, als wäre ein Dackel mit 50 Sachen gegen eine Betonmauer gewemmst. Und diese hässlichen, viel zu weit auseinander stehenden Glupschaugen. Nein, dem Mops an sich kann ich nichts abgewinnen. Daher schreibe ich normalerweise auch nicht über Möpse. Jedenfalls nicht über die in Form von Hunden. Nur heute, wo mir einer über den Weg gerannt ist, habe ich überlegt, wie es wäre, wenn ich einen Text schreibe an dessen Anfang ein hässlicher, doofer Dickmops von einem ebenso hässlichen, heranbrausenden Mittelklassewagen zur Stecke gebracht wird.

Aber da ich viele komische Frauen kenne, die auf Möpse stehen, also auf die in Form von Hunden, lasse ich das lieber bleiben. Die würde ich ja damit alle vergraulen. Also ziehe ich sie lieber auf meine Seite, in dem ich in diesem Text einen Mops vorkommen lasse, der fröhlich seiner Wege geht. Im Schlepptau sein Herrchen, ein etwa fünfzig Jahre alter Mann, der nicht nur in Sachen Hunde, sondern auch bekleidungstechnisch einen sehr schlechten Geschmack zu haben schien. Über Geschmack lässt sich ja angeblich nicht streiten, aber in so einem Fall lasse ich wirklich nicht mit mir reden. Ein Polohemd in einer undefinierbaren Farbe irgendwo zwischen Gelb, Beige und Hornhautumbra, dazu eine kackbraune Kordhose, himmelblaue Socken und die unverzichtbaren braunen Ledersandalen, die anscheinend alle Rentner ab einem gewissen Alter vom Staat zur Verfügung gestellt bekommen. An der Leine führte er den schon beiläufig erwähnten Mops durch den Park. Anscheinend stand der Mann auf schäbige Klamotten und auf Möpse. Jedenfalls die in Form von Hunden. Alte Männer und Möpse, das passt ja eigentlich immer. Die einen führen sie spazieren, die anderen starren sie einfach nur an und versuchen dabei die Erektion, die sie in diesem Alter ansonsten eher seltener zustande bringen, zu verbergen. Zu diesem Zweck tragen sie diese ausgebeulten Kordhosen. Im vorangegangenen Satz ging es übrigens um zwei verschiedene Gattungen von Möpsen, wie dem aufmerksamen Leser sicherlich schon aufgefallen ist. Der Hose nach zu Urteilen gehörte also auch der alte Mann in dem Park zu den Zeitgenossen, die an Möpsen interessiert sind. Also nicht nur an denen in Form von Hunden. Wobei das natürlich auch ein sprachtechnisches Problem ist. Warum muss das Wort Mops zugleich für etwas sehr hässliches als auch für etwas sehr schönes benutzt werden? Somit zählt der Begriff Mops zu den Teekesselchen, das sind Wörter die zwei völlig unterschiedliche Bedeutungen haben können. So wie das Wort Bank. Obwohl, da gibt es ja mehr als zwei. Fußbank, Kirchenbank, Parkbank, Blutbank und Samenbank. Das war jetzt eher ein blödes Beispiel. Nehmen wir ein anderes: Pfanne. In der einen Pfanne macht man sein Essen, in der anderen sein Geschäft. Obwohl das ja irgendwie auch zusammenhängt. Eklig. Weitere Teekesselchen wären: Nageln, blasen, kloppen oder dremeln. Gehört das Wort Teekesselchen eigentlich selbst auch zu den Teekesselchen? Was hat überhaupt ein Zubereitungsbehälter für ein Heißgetränk mit der Doppeldeutigkeit von Wörtern zu tun? Und warum ist diese Doppeldeutigkeit nicht gleichzusetzen mit Zweideutigkeit, die ja wiederum meistens auf Begriffe wie nageln, blasen, kloppen oder dremeln abzielt?

Was auch immer, nach dem ganzen Gerede hab ich Lust auf Tee und auf Möpse, allerdings nicht die in Form von Hunden. Letzteres kann ich für heute wohl abhaken (nicht zu verwechseln mit „abhacken“!!!) aber den Tee den gönne ich mir noch. War ja auch eine lange Fahrt mit dem Rad heute. Und da haben wir das nächste Teekesselchen: Rad. Drahtesel oder Autozubehör. Toll oder? Da sieht man doch mal, welche Prioritäten die Erfinder der deutschen Sprache gesetzt haben. Für eine bahnbrechende Erfindung wie das Rad gibt es nicht mal einen einzigen eigenständigen Begriff. Aber für Dinge wie Saufen, Pinkeln, Kacken oder Geschlechtsverkehr gibt es über hundert verschiedene Bezeichnungen. Traurig eigentlich. Aber nicht so traurig wie die Tatsache, dass die hässlichsten Hunde nach den schönsten Körperteilen benannt werden. Dagegen sollte man vorgehen. Kann man die Viecher nicht umbenennen? Klops wäre viel passender. Oder Klumpen. Ja, das wäre es. „Schau mal Mami, der süße Klumpenhund!“ Oder eine Mischform aus beidem. „Klumps“. Das würde es treffen. Wenn ich so einer wider jede Natur gezüchteten Kreatur in ihr verbeultes Antlitz schaue, dann fällt mir doch genau so ein Wort ein, wie Klumps.

Dabei stellt sich ja eigentlich auch die Frage, wie es überhaupt zu einem Mops kommen konnte. War das ein Zuchtunfall? Oder hat etwas jemand tatsächlich absichtlich auf dieses Ergebnis hin gearbeitet? Hätte Gott uns Menschen auch die Herrschaft über die Erde und die darauf kreuchenden Kreaturen abgetreten, wenn er gewusst hätte, dass wir ein so stolzes, ebenso kraft- wie würdevolles Geschöpf wie den Wolf zu etwas derartigem erniedrigen würden, wie einen verklumpten Mops oder einen warmen Pudel? Wenigstens in den klassischen Märchen hat man sich von derlei abscheulichen Modetrends abgewandt und den Wolf in seiner ursprünglichen Gestalt belassen. Man stelle sich mal vor, es wäre anders gekommen und das Rotkäppchen trifft auf den großen bösen Mops. Womit hätte der ihr denn drohen sollen? Ihr Bein zu rammeln? Danach verschlägt es ihn dann in Großmutters Bett und das Rotkäppchen fragt: „Großmutter, was hast Du so viele Falten?“ Nein so funktioniert das nicht. Genauso wenig wie „Der Mops und die sieben Geißlein“ Was könnte denn ein Mops mit einem Geißlein anstellen? Er könnte versuchen, es anstelle eines menschlichen Beines zu rammeln, aber mehr fällt mir dazu beim besten willen nicht ein. Man sieht also, der Mops ist in der Rolle des Märchenmops völlig überfordert.

Und wie dämlich sähe erst ein Mops im Schafspelz aus?

Fazit: der Mops an sich, also in Form eines Hundes, ist zu nichts so wirklich zu gebrauchen. Außer als Spielkamerad für ältere Herren oder kleine Pipimädchen taugt er nicht viel, höchstens vielleicht noch als Türstopper oder Nackenrolle. Aber auch da gibt es schönere Modelle.

Nun muss ich doch zugeben, dass ich mit diesem Text ganz schön auf den Mops gekommen bin. Wobei „kommen“ eigentlich ja auch ein Teekesselchen ist, was jetzt aber ganz und gar nicht heißen soll, dass ich den Möpsen in irgend einer Form einen sexuellen Reiz abgewinnen könnte. Jedenfalls nicht denen in Form von Hunden. Schon komisch, ich hätte nie gedacht, dass ich mal ganze zwei Seiten über diese doofen Viecher voll schreiben würde. Haben die das überhaupt verdient? Vielleicht schon. Hat denn ein Wesen, dass Zeit seines Lebens mit solcher Hässlichkeit gestraft ist nicht auch ein wenig Aufmerksamkeit verdient?

Wenden wir uns also wieder dem Anfangsmops zu, der da friedlich mit seinem schlecht gekleideten Herrchen durch den Park trottete. Ich möchte diesem Mops danken, für die unterhaltsamen Gedanken, die mir nach unserer Begegnung die Weiterfahrt ein wenig kurzweiliger erscheinen ließen. Vielleicht ist ja genau das die Bestimmung von solch unansehnlichen Kreaturen, wie dem Mops. Sie bringen uns zum Nachdenken. Und es gelingt ihnen, in uns selbst das Schöne zu erkennen. Denn selbst der hässlichste Mensch fühlt sich nach einer Begegnung mit ihnen wohl und ist dankbar dafür, dass er nicht als Mops geboren wurde. So lasset uns danken dem Mops, der die Bürde der Hässlichkeit für uns erträgt, damit wir in Demut und Dankbarkeit unser eigenes Antlitz auf ewig zu schätzen wissen.

Probleme lösen mit Alkohol

Und schon wieder haben die Deutschen Grund zum Jammern und zum Klagen: Da gehen die deutschen Jugendlichen in Zeiten wie diesen mit gutem Beispiel voran und kurbeln ordentlich den Konsum, zumindest in der Alkohol- und Tabakindustrie an, da stehen schon die selbst ernannten Sittenwächter auf der Matte und rufen: „J’accuse! Ich klage an!“

Anstatt froh zu sein, dass Kindergeld und Hartz IV der abgehängt-prekären Eltern nun umgehend wieder in die Wirtschaft gepumpt werden, wird der große Sittenverfall proklamiert. „Das hat es früher nicht gegeben!“, rufen empört diejenigen, die damals den Sonntagsfrühschoppen erfunden haben und anschließend granatenvoll mit der Isetta in die nächste Pinte geeiert sind. Der heutige Jugendliche hingegen liegt sonntags morgens brav im Koma und bekommt die Erbsensuppe intravenös, natürlich ohne Wursteinlage.

Wo die nun langsam ergrauenden 68er damals Straßenterror und Studentenrevolten verbreitet haben, wird heute still, friedlich und unpolitisch der Frust einfach mit Hochprozentigem weggespült. Steigende Umsätze in Flatratediskos und erhöhte Einnahmen bei der Alkoholsteuer sind die erfreulichen Begleiterscheinungen.

Auch für die demografische Entwicklung ist ein positiver Effekt zu verzeichnen. Wenn der gemeine Jugendliche nach acht Litern Alkopops noch einen hoch kriegt pimpert er alles, was ihm vor die Flinte kommt. Das ergibt eine deutliche Steigerung der Geburtenrate, die anschließenden Vaterschaftstests bei Olli Geißen oder Britt fördern zusätzlich die Unterhaltungsbranche.

Ansonsten torkeln heute die volltrunkene Jugendlichen nicht in der Gegend herum und ängstigen die Rechtschaffenden, so wie es bei älteren Semestern des öfteren zu beobachten ist. Nein, sie liegen einfach still und friedlich an irgend einer Straßenecke in ihrem Erbrochenem. Manch einer fällt nach 52 Tequila einfach tot um, um niemandem zur Last zu fallen. An solch ausgesuchter Höflichkeit ist ein Beispiel zu nehmen.

Da das heutige Leben so und so nur noch im Suff zu ertragen ist, machen gerade unsere jungen Menschen das beste daraus. Anstatt, wie ihre Eltern, jeden Abend vor einer Kiste Bier zu versauern und sich selbst zu bemitleiden, haben die Kids noch Ziele, die sie engagiert und motiviert verfolgen: Höher, schneller, hochprozentiger heißt es da. An jedem Wochenende ist ein weiterer Rekord zu knacken, dafür gilt es unter der Woche hart zu trainieren. Das ist doch allemal besser, als sich auf dem Schulhof anpöbeln und beklauen zu lassen.

Trinkhallen im ganzen Bundesgebiet erfreuen sich nun endlich auch vormittags wieder erhöhter Einnahmen. Und während die Eltern in emotionslosen Demonstrationsversuchen ihre verhassten, schlecht bezahlten Jobs zu retten versuchen, entwickelt sich unter ihrem Nachwuchs bereits am frühen Tag ein geselliges Beisammensein auf Spielplätzen, in Parks oder rund um irgend einen Autoscooter. Bei ein, zwei Flaschen Vodka werden dort die neuesten gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen besprochen und die zu erreichenden Promillewerte für den Samstagabend abgeklärt.

So entsteht unter den neidischen Blicken der älteren Generationen eine neue, funktionierende, auf Alkoholkonsum gestützte Gesellschaftsordnung, die fernab von der zeitraubenden Talentvergeudung im Schulunterricht oder der lästigen Suche nach Ausbildungsplätzen beinahe alle Probleme zu lösen im Stande ist, die wir nicht in den Griff bekommen.